Stadion Oberwerth, Koblenz
TuS Koblenz - SC Freiburg
Das Vorspiel
Ob in meiner Zeitungskolumne, ob im Radio oder in vielen, vielen Privatgesprächen, immer habe ich in den letzten Tagen Optimismus pur versprüht: "Am Sonntag steigt der Sportclub auf!" Punkt um. Dann verlor heute Wolfsburg als souveränder Tabellenführer der ersten Liga mit 4:1 in Stuttgart und ich habe mich gefragt, was ich eigentlich denke und sage, wenn der SC morgen so derart eines auf's Dach kriegt, wie die "Wölfe" heute. Das kann ich mir allerdings nicht wirklich vorstellen - das wäre eigentlich nur bei einem heftigen Nerven-Blackout denkbar. Ich halte einen SC-Sieg in Koblenz im Übrigen für wahrscheinlicher als einen Sieg am Mittwoch gegen Fürth. Die gewinnen das morgen und fertig. Alles spricht eigentlich dafür. Und dann kam da auch noch die sms von meinem großen Sohn: Du kannst ja morgen mal darauf hinweisen, dass der letzte Aufstieg, damals in Burghausen, auch am Muttertag gelang, empfahl mir mein Junior. Da hatte er sich dran erinnert, zumal er mit Schwester und Mutter damals in Burghausen mit dabei war. Es war am 11. Mai 2003 und morgen auf den Muttertag genau vor sechs Jahren. Nochmal fünf Jahre zurück, am 3. Juni 1998 gelang der vorletzte Aufstieg - ebenfalls auswärts, konkret in Wattenscheid. Auch da war mein "Großer", damals knapp 11 Jahre alt, mit von der Partie. Morgen muss er jobben, hat eine lukrative Tätigkeit als studentischer Museumswärter in seiner zweiten Heimat Frankreich. Da ein Kollege krank ist, der andere auf einer Konfirmation am Bodensee und mehrere Kumpels mit ihren Müttern Muttertag feiern, fahre ich doch tatsächlich alleine zu dem vielleicht wichtigsten SC-Spiel der Saison. Dem kleinen Ben und seiner Mutter möchte ich die sechs Stunden Autobahn für Hin- und Rückfahrt dann doch nicht zumuten. Außerdem werden mitreisende Frauen und Kinder im Pressebereich nicht so gerne gesehen. Also solo nach Koblenz und mit dem Erstligaaufstieg im Gepäck wieder zurück. Wenn überhaupt, denn nach dem 4:1 in Wattenscheid anno 1998 hat die Mannschaft uns Pressevertreter aus Freiburg kurzehand mit zum Feiern ins Hotel genommen. Sogar kostenlose Zimmer gab es. Das war eine geile Spontanparty damals. Ich fürchte allerdings, dass dem "Kartell des Bösen" eine solche Großzügigkeit im Falle eines Falles nicht entgegen eilen wird (kleiner Scherz am Rande). Vor irgendwelchen Festivitäten steht aber erstmal die sportliche Aufgabe. Dadurch, dass Koblenz sich in akuter Abstiegsgefahr befindet, bekommt die Partie zusätzliche Würze. Wenn Robins Jungs die Nerven im Zaum halten, sehe ich sie aber eindeutig mit der Nase vorne. Der größere Druck liegt sicher bei den Gastgebern. Niemand wird dem SC einen ernsthaften Vorwurf machen, wenn er morgen noch nicht aufsteigt. Dann eben Mittwoch, oder in einer Woche in Oberhausen. Aber nein, nein und nochmals... na ja mal gucken. Ich glaube, die packen es morgen.
In der Bundesliga-Show von baden fm wird es morgen natürlich ständig die Zwischenergebnisse aus Fürth und St. Pauli geben. Und sollte der Aufstieg gelingen, wird die Bundesligashow verlängert und ich liefere Liveinterviews mit Spielern, Trainern und Offiziellen. Da geben wir dann richtig Gas. Ich freue mich drauf - auf die Spannung, das Spiel und - gegebenenfalls - der Nachklapp und die Feierei. Auch wenn es im absoluten Erfolgsfall schon der vierte Aufstieg binnen 16 Jahren ist, ist so ein Aufstieg halt immer noch etwas Besonderes, ein außergewöhnlicher Glückstag zum Genießen. Daran will ich die Radiohörer teilhaben lassen.
Ich übertrage das Spiel TuS Koblenz gegen SC Freiburg am Sonntag ab 14 Uhr live bei baden fm.
p.s.: Die Fortsetzung dieses Tagebucheintrags gibt es voraussichtlich erst am Montag. Ich bitte um Verständnis...
Das Fußballspiel
5:2 gewonnen, schon am viertletzten Spieltag steht fest: Der SC Freiburg ist Meister der 2. Fußball-Bundesliga und steigt in die 1. Liga auf. EDin grandioser Erfolg!
Dabei begann das Spiel gar nicht so meisterhaft. Der weit unter Normalform (die Nerven?) spielende Daniel Schwaab vertendelte schon in der 2. Spielminute den Ball und schwupps war es passiert: zwei schnelle Pässe brachten Stieber in Schussposition und der Koblenzer, der beim SC im Gespräch sein soll, ließ sich nicht zweimal bitten: 1:0 für die TuS. Jägers Ausgleich vier Minuten später, nach einer Flanke seines congenialen Offensivpartners Abdessadki, beruhigte die Nerven der Freiburger Spieler und der über 2.000 Schlachtenbummler aus Südbaden.
Die nächste Schrecksekunde folgte aber auf dem Fuße: Für Barth, der für den angeschlagenen Stammverteidiger Toprak in die Startelf gerutscht war, ging schon nach neun Minuten gar nichts mehr. Der Abwehrspieler musste verletzt ausgewechselt werden. Flum, eigentlich ein Mittelfeldspieler, wurde eingewechselt und musste nun an der Seite von Krmas verteidigen. Dazu sah Schuster schon in der 14. Minute die Gelbe Karte - insgesamt kein günstiger Start für den SC, der aber nicht lamentierte, sondern agierte: TuS-Torwart Rickert ließ einen eher harmlosen Schuss von Schuster abklatschen, Kapitän Butscher war zur Stelle - 1:2 für die Gästge aus dem Schwarzwald (15.). "Nie mehr 2. Liga, skandierten die Fans, deren Geduld aber noch einmal auf die Probe gestellt wurde. In der 33. Minute sah die ganze Abwehr des SC schlecht aus - auch wieder der völlig neben sich stehende Schwaab - und Krontiris konnte zum 2:2-Ausgleich abschließen. Cha vergab dann noch eine annähernd 100-prozentige Torchance für Koblenz, dann war Halbzeit. Wie der sichere Sieger sah der SC zu diesem Zeitounkt noch nicht aus; nach vorne hin zwar kombinationsfreudig und gefällig, hinten ager ging es mitunter sehr holperig zu.
Nach dem Wechsel wurde die Viererkette der Freiburger stabiler. Obwohl sich Kevin Schlitte schon frühzeitig eine Zeit lang warm gelaufen hatte, durfte auch Schwaab weiter machen, der die Fehlerquote in der 2. Halbzeit deutlich herunter fuhr. Tommy Bechmann, bis dahin unauffälligster Freiburger Angreifer, erzielte in der 60. Minute mit einem wunderschönen Flachschuss aus 18 Metern an den Innenpfosten und ins Tor die erneute Gästeführung. Zwei Minuten später hielt Pouplin mit einer Weltklasse-Parade quasi den Matchball, brachte den SC insofern endgültig auf die Siegerstraße. In der 66. Minute kam Rodionov für Bechmann. Der Weißrusse bewreitete acht Minuten später das vierte Freiburger Tor, das letztlich von Idrissou im Nachschuss erzielt wurde vor und erzielte höchst persönlich in der 85. Minute den 2:5-Endstand zu Gunsten der Freiburger, bei denen sich längst herumgesprochen hatte, dass zeitgleich der FC St. Pauli gegen Mainz mit 2:0 führte und das Franken-Derby zwischen Fürth und Nürnberg einen Unentschieden entgegen strebte. Schon Minuten vor dem Abpfiff bereitete sich die komplette Reservebank des SC mit Aufstiegs-T-Shirts mit dem witzigen Spruch "Wir sind dann mal oben" auf die folgende kollektive Jubelarie vor. Ein ganz großer Tag in der Vereinsgeschichte des SC Freiburg.
Das Nachspiel
Für mich war nach dem Abpfiff erstmal "business as usual" angesagt. Das heißt, Spielanalyse mit Einzelbewertung über den Sender bringen und den Menschen in der Heimat beschreiben, was sonst noch so passierte. Das war eine ganze Menge, denn die über 2.000 SC-Fans hatten den Rasen gestürmt und feierten ausgelassen mit ihren Lieblingen. Dass ich Koblenzer Ordnungskräfte beobachtete, die gewallttätig gegen jubelnde Freiburger Fans vorgingen, dass Koblenzer Hooliga-Idioten am Rande des Menschenpulks für Scharmützel sorgten, all das will ich nur am Rande erwähnen. Ich hoffe nur, dass sich kein Freiburger dabei ernstahft weh getan oder gar verletzt hat.
Als ich mit dem üblichen Nachklapp fertig war, bewegte ich mich die Haupttribüne herunter Richtung Spielfeld und befand mich irgendwann auf der Haupttribüne zwischen der sich ausgelassen präsentierenden und feiernden Mannschaft, links oben von mir, und den ausrastenden Fans unten auf dem Rasen. Ich nutzte die Gelegenheit zu ein paar Liveinterviews mit vorbei kommenden Spielern und Vorfstand Fritz Keller, bis mir irgendwann gedeutet wurde, dass dieser Bereich wohl für die TV-Erstverwerter anektiert- und ich fehl am Platze war. Gesagt hatte mir das vorher niemand, schließlich befanden wir uns auf der Haupttribüne und es gab keinerlei Hinweise von Ordnern oder Ähnliches. Des lieben Friedens willen folgte ich dem Drängen einer Dame und begab mich zur Mixedzone. Zum Glück kamen die Spieler nun von ihrer Jubelfeier auf der Tribüne zurück und ich konnte meine Interviews nun dort fortsetzen. Als Letztes kamen dabnei nochmal die Vorstände Breit und Keller zu Wort, mit denen mich - aus beiden Richtungen betrachtet - nicht unbedingt eine Männerfreundschaft verbindet. Live am Mikorphon luden die beiden die Fans zu einer spontanen Meisterschafts- und Aufstiegsfeier am Abend ein. Sie sollte auf dem Stadiongelände, beim Vereinslokal "Das SC" stattfinden. Die Mannschaft auf dem Balkon, die Fans unten.
Tausende fanden sich am Abend ein und erlebten die Ankunft des Mannschaftsbusses. Fritz Keller lud mich persönlich ein, mich der geschlossenen Gesellschaft im "Das SC" anzuschließen, was ich ihm hoch anrechne. Ob sich die besagte Männerfreundschaft noch entwickelt, lasse ich mal dahin gestellt, gestern Abend aber ist der Keller Fritz über seinen Schatten gesprungen. Vielleicht schüttelt man im Erfolg auf beiden Seiten gewisse Vorbehalte ab und startet neu. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht.
Präsident Achim Stocker gegenüber habe ich meinen Glückwunsch und meinen Respekt zum Ausdruck gebracht. Das war durchaus ernst gemeint. Die seiner Zeit auch von mir heftig angezweifelte und öffentlioch kritisierte Bauchentscheidung des Vorsitzenden für den Trainer Robin Dutt hatte sich als goldener Griff erwiesen. Da kann mal halt nichts anderes sagen als "Glückwunsch und Respekt" - dan hat sich der alte Grandler einfach verdient. Es wurde dann noch ein netter, stimmungsvoller Abend. Die Mannschaft ließ es heftig krachen, sang und gröhlte wie sonst ihre eigenen Fans, kann offenbar alle Fan-Gesänge auswendig. Klasse! Tonangebend im wahrsten Wortsinn war der Tisch der Nachwuchsleute um die jungen Stammspieler Daniel Schwaab und Ömer Toprak. Aber auch die Alten, selbst die fankophonen Spieler machten mit bei "Nie mehr 2. Liga!", oder "Trainer auf den Tisch, Trainer auf den Tisch..." und so weiter. Es wurde gesungen und getanzt - von manchem (aber nicht dem Trainer) auch auf dem Tisch. Es war spontan, herzlich und sympathisch. Es war ein Freudenfest. Ich freue mich, dass ich dabei sein konnte. Später, so wurde mir gerade zugetragen ging noch im Kagan die Post ab. "Wir sind dann mal oben" stand ja schon auf den T-Shirts, insofern keine Überraschung. Die Jungs haben sich das Feiern hart erarbeitet und verdient.
Stunden vorher, noch in Koblenz und unmittelbar nach dem Spiel, hatte ich folgende Spielerbewertungen über den Sender gegeben: Pouplin zeigte mehrere Glanzparaden der absoluten Spitzenklasse. Note: 1. Butscher rannte, kämpfte und schoss ein Tor. Ein vorbildlicher Kapitän. Note: 2. Barth wurde nach neun Minuten verletzt ausgewechselt, Für ihn spielte dann Flum: Der hatte in ungewohnter Rolle einige Probleme, tat aber sein Bestes. Note: 3-. Krmas bot Normalform. Note: 2-3. Schwaab war von Beginn an ein Unsicherheitsfaktor, war an beiden Gegentoren mitschuldig. Note: 5. Banovic bot guten Durchschnitt. Note: 3. Jäger war quirlig und spielfreudig, bot eine tolle Leistung. Note: 2. Abdessadki war einer der Aktivposten und ist mit seiner individuellen Technik ohnehin eine Klasse für sich. Note: 2. Idrissou spielte sachlich, abgeklärt und robust. Er war Torschütze zum 2:4. Note: 2. Bechmann blieb lange Zeit blass, schoss dann aber das 2:3 und ging als Sieger vom Platz. Note: 3+. Für Bechmann kam Rodionov, der den vierten Treffer vorbereitete und den fünften persönlich erzielte. Hoffentlich wird er beim SC gehalten! Note: 2.
Heute Morgen, in der Guten-Morgen-Show von baden fm, habe ich einen journalistischen Kommentar zum Saison und zum gestrigen gesamterfolg abgegeben. Hier sein Wortlaut:
Deutschland hat den Superstar gesucht und Deutschland hat ihn gefunden. Es ist der SC Freiburg. Angetreten mit einem Trainer, der im zweiten Profijahr noch ein witgehend unbeschriebens Blatt war und mit einer Mannschaft, die ihre größten Talente verloren zu haben schien. Diese Protagonisten stellten sich im Sommer 2008 hin und erklärten frech, ja geradezu vermessen: "Wir wollen aufsteigen!" Durch diese hoch gesteckte und öffentliche Zielvorgabe wurde der folgende Kampf um Tore und Punkte zu einer Charakterfrage. Und es sollte sich herausstellen, dass Charakter eine der ganz großen Stärken dieser Mannschaft ist. Talent, Teamgeist und Charakter waren die Zutaten, die "Chefkoch" Robin Dutt beinahe Woche um Woche zu einem Festmahl komponierte. Das Rezept war gewissermaßen stets dasselbe: Auch in engen Spielen, bis zur letzten Sekunde den Sieg suchen. Drei Punkte anstreben. Unentschieden, für die es nur einen Punkt gibt, vermeiden. Lieber mal ein Spiel verlieren und dafür viele gewinnen, anstatt einer großen Zahl von Unentschieden, so die Losung. Das Rezept ging auf. Mit 20 Siegen, sieben Niederlagen und nur vier Unentschieden nach 31 Spielen ist der SC schon jetzt, da noch drei Spielrunden absolviert werden müssen, der gesamten Konkurrenz uneinholbar enteilt - mit den meisten Siegen aller deutschen Proficlubs. Das Rezept war genial, Robin Dutt, Kompliment und Glückwunsch. Das war grandios! (...)
Ich freue mich auf Ihre/Eure Meinungen und Stellungnahmen im Gästebuch meiner HP www.frank-rischmueller.com